„Critical Role“

Fan seit Stunde Null

Ahhh „Critical Role“. Eine meiner, einflussreichsten Entdeckungen und gleichzeitig Mahnmal meines Versagens als Hypetrain Schaffner. Einflussreich, weil kein anderes Franchise einen so großen Einfluss auf mein Leben der letzten Jahre hatte. Versagen, weil ich es, bis heute, nicht geschafft habe das Entertainment Produkt „Critical Role“ einem anderen Menschen aufzuschwatzen. Nicht einem Einzigen!

Ich muss gestehen, ich bin der Slowpoke unter Nerds, der Typ der kurz vor Ende der Party kommt, dann den ganzen nächsten Tag bleibt und vom Gastgeber Rührei erwartet. Na gut, so schlimm auch wieder nicht. Was ich damit sagen will ist, ich bin selten ein Fan der Stunde null. Oft dauert es einige Zeit bis etwas in meinen Wahrnehmungsbereich eingedrungen ist um meine Begeisterung zu wecken.

Dieser Umstand macht „Critical Role“ zu etwas Besonderem. Ich bin wirklich und ganz ehrlich seit Anfang an dabei. Naja sagen wir seit Episode 7 aber das ist schon verdammt früh Leute, glaubt mir. Zu dieser Zeit, im Jahr 2015, wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben auf das Phänomen TTRPG (Table Top Role Playing Game), für viele unter dem Namen Pen & Paper Rollenspiel bekannt, aufmerksam. Ich wusste natürlich, dass Spiele wie Dungeons & Dragons existierten, hatte aber wenig mehr Meinung zu diesem Genre, als das es sich um eine Nischen Produkt für eine ganz besondere Form der Nerds handelte. Dementsprechend wenig konnte ich mir unter dieser Art des Gesellschaftsspieles vorstellen. Erst als auf dem Youtube Kanal der Rocketbeans ein Pen & Paper vor laufender Kamera ausgestrahlt wurde, entdeckte ich, dass TTRPG nicht zwangsweise bedeutete mit schlechtem mittelalterlichen Deutsch, in dunklen Kellern mit nach Schweiß riechenden Mitspielern, seine, an Fetisch grenzenden, Fantasien auszuleben. (Ich war damals womöglich etwas ignorant. Sorry dafür.) Das was ich dort sah, schien verdammt viel Spaß zu machen. Ich war sofort Hooked!

Im Anschluss an diese Offenbarung einer vollkommen neuen Art des Spiels, suchte ich verzweifelt nach Alternativen zu den, für mich viel zu selten erscheinenden, Pen & Paper Abenteuern der Bohnen. So stieß ich auf „Critical Role“ … Der Rest ist Geschichte.

A Bunch of Nerdy-Ass Voice-Actors

Was ist „Critical Role“? Das ist schwer zu erklären. Im Kern erscheint es eine Art Podcast zu sein. Dann aber auch wieder nicht. Irgendwo ähnelt es einem Let’s Play. Dann aber auch wieder nicht. Es hat Ähnlichkeiten mit einem Impro-Theater. Dann aber auch wieder nicht. Eine allgemein gültige Definition zu finden erscheint recht schwer, da diese Form des Entertainments noch jung ist und sich stetig weiterentwickelt. Am besten beschreibt man „Critical Role“ mit der Phrase, die Matthew Mercer, Haarmodel und Ausnahme Dungeonmaster, verwendet um jede neue Folge einzuleiten: „Welcome to Critical Role. We’re just a bunch of nerdy-ass voiceactors who sit around and play Dungeons & Dragons.“ Und das wars. Mehr ist es nicht. Mehr muss es auch nicht sein.

Yes and…

Für die Wenigen unter euch, die noch nie von Dungeons & Dragons oder einem der Milliarden anderen TTRPG Systeme gehört haben, erkläre ich kurz die Basics. Bei Pen & Paper wird eine interaktive Geschichte erzählt. Die Mitspieler/innen schlüpfen zu diesem Zweck entweder in die Rolle eines erstellten Charakters oder des Game Masters. Der Game Master erzählt die Geschichte, illustriert mit seinen Worten die Welt, in der sie spielt und visualisiert rhetorisch den Einfluss, den die Entscheidungen der Spielercharaktere auf die Welt und die Geschichte haben. Also wie ein Videospiel, nur eben ohne Video. In der Rolle ihres Charakters interagieren die Spieler/innen mit der Welt des Game Masters. Der Ausgang einer Aktion der Charaktere wird durch zwei Faktoren entschieden. Zum einen durch die, im Rahmen eines Regelwerkes, festgelegten physischen und mentalen Attribute des Charakters (Intelligenz, Stärke usw.) und zum anderen durch eine Zufallskomponente. Der Würfel (Damm Damm Daaaaaaaaamm). Der Würfelwurf entscheidet ob die Intention eines Charakters im Konflikt mit dem Willen des Universums steht.

Bei „Critical Role“ schaut man also einer Gruppe Menschen dabei zu, wie sie Würfel rollend einer interaktiven Geschichte folgen. Klingt eher mäßig spannend. Und da gebe ich euch absolut recht.

Das Konzept steht und fällt mit den Menschen, denen man beim Spielen zusieht. Und hier zeigt sich warum „Critical Role“ der Tesla unter den D&D Shows ist. Der Cast ist superb. Und kommt aus Kalifornien.

Jedes einzelne Mitglied ist ein Veteran in der Synchronsprecher Branche. Den Menschen, die ihre Videospiele und Serien gerne einmal mit englischem Ton genießen, sollten die Stimmen, die dort vom Bildschirm aus über Drachen, Magie und Würfelergebnisse diskutieren, bekannt vorkommen. Ich will damit gar nicht erst ins Detail gehen, da die Liste an Rollen, in die die Mitglieder des Casts in ihrer Karriere geschlüpft sind, die maximal Zeichen Anzahl von WordPress Beiträgen überschreiten würde (Wenn es keine maximale Anzahl gibt, würde sie spätestens nach dieser Aufzählung eingeführt). Lasst mich euch aber versichern, diese 8 Menschen dort vor der Kamera sind die Crême de la Crême. Die Margot Robbies und Jake Gyllenhaals aus Synchronsprecher-Hollywoodhausen.

In Character

Anders als die Null-Acht-Fuffzehn-DnD-Gruppen, die man in den Kellern dieser Welt antrifft (Ist ein Gag, muss ich nicht extra sagen, oder?), bringen diese Menschen einen ganz wichtigen Faktor mit an den Tisch, der beim Zusehen so begeistert. Schauspielerisches Talent. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das schauspielerische Können des Durchschnitts-DnD-Spielers irgendwo zwischen Grundschul-Grippenspiel und „Nein Mom, ich bin nicht betrunken!“ liegt. Und das ist NICHT schlimm. DnD ist ein tolles Spiel und ein großartiger Weg sich zu öffnen und soziale Blockaden zu überwinden. Niemand erwartet Oscar Performances und je dämlicher der Dialog, desto mehr Spaß hat der Tisch. Lasst euch davon also bitte nicht abschrecken. Hat man nun allerdings die Intention ein Publikum an diesem Spiel teilhaben zu lassen, ist eine gesunde Portion schauspielerisches Handwerk durchaus vorteilhaft. Wenn dann auch noch ein feiner Humor, Improvisationstalent und eine große Kelle Spaß am Spiel hinzukommt, kredenzt man den Zuschauern einen Schmeckewöhlerchen der modernen Unterhaltung. Mit diesen Komponenten bietet „Critical Role“ dem Zuschauer den Otto-Katalog der Emotionen. Während meiner Reise durch die vielen Stunden der beiden Kampagnen habe ich Zähne knirschend mit gefiebert, wenn das Ende eines epischen Kampfes näher rückte und das Leben der Helden am seidenen Faden hing, ich hab mich schäppig gelacht wenn der Cast in Dialogen sein Talent für Impro-Comedy unter Beweis stellte und ich habe die ein oder andere Träne verdrückt, wenn dramatische Entwicklungen das Leben der Charaktere auf den Kopf zu stellen drohten. Ich glaube sagen zu können, dass kein anderes Franchise jemals eine solch breite Palette an Gefühlen, mit solch eine Intensität bei mir hervorgerufen hat.

Eine Lebensaufgabe

Ja, diese Momente sind für mich absolute Highlights des Geschichten Erzählens. Warum also ist es so schwer „Critical Role“ einem anderen Menschen näher zu bringen. Trotz des immensen Talents der Spielerinnen und Spieler und Matthew Mercers einmaligen Fähigkeit Geschichten zu erzählen, ist und bleibt „Critical Role“ im Kern ein DnD Spiel. Das was die Zuschauer Woche für Woche zu sehen bekommen sind ungeschnittene Sessions mit einer Laufzeit zwischen 3 und 5 Stunden. Wer schon einmal DnD oder ein anderes TTRPG gespielt hat, weiß, dass diese Laufzeiten für eine Game Session ganz normal und notwendig sind, um einen natürlich Fluss der Geschichte zu erzeugen. Für eine wöchentlich erscheinende Show, die man als Zuschauer konsumiert sind diese Laufzeiten eher abschreckend. Neben den alltäglichen Verpflichtungen, die jeder in dieser schnell lebenden Zeit besitzt, sozialen Kontakten und all den anderen Serien, Filmen und Spielen, die man zusätzlich genießen möchte, bleibt wenig Zeit für eine Show mit so einer erdrückenden Spielzeit. Ich verstehe das. „Critical Role“ ist kein One Night Stand, kein kurzes Abenteuer. „Critical Role“ ist eine Langzeitbeziehung. Ein Kommittent. Normalerweise würde ich für jede neue Show eine drei Episoden lange Testphase empfehlen. Bei „Critical Role“ wären das eben mal so ca. 9 Stunden. Schwierig. Auch nicht jede Folge ist bis oben hin mit Highlights vollgepackt. Oft folgt man den Charakteren durch TTRPG übliche, langwierige Passagen. Wenn zum Beispiel letzte Vorbereitungen für den anstehenden Kampf gegen Oberschurke X getroffen oder Regelauslegungen diskutiert werden. Glücklicherweise gibt es auf dem Youtube Channel von „Critical Role“ eine Handvoll so genannter „One-Shots“. Also Geschichten, die innerhalb einer einzigen Session erzählt werden. Diese eignen sich hervorragend um auszuloten, ob diese Art des Entertainments den eigenen Geschmack trifft. Fühlt man sich Hooked! kann man vorsichtig den Gang ins kalte Wasser wagen und eine der beiden Kampagnen beginnen, die in den letzten Jahren gespielt wurde. Ich empfehle an dieser Stelle Kampagne 2, da die Produktionsqualität um Welten besser ist und man nie mit Tonproblemen oder Ähnlichem zu kämpfen hat.

Eine unglaubliche Entwicklung

Wenn ich mir den bisher geschriebenen Text noch einmal ansehe, fange ich an zu verstehen warum es mir so schwer fällt meine Begeisterung für dieses Franchise mit anderen zu teilen. Die negativen Aspekte, also die Faktoren, die neue Zuschauer erst einmal abschrecken dürften, wie lange Laufzeiten und sich ziehende TTRPG übliche, langweilige Passagen, sind relativ einfach zu benennen. Aber konkret zu vermitteln, was genau mich an „Critical Role“ Hooked! und bis heute, 5 Jahre später, noch immer dafür sorgt, dass ich jeder neuen Folge entgegen fiebere ist sau schwer.

Wahrscheinlich macht es auch wenig Sinn aufzuzählen, was speziell mich an „Critical Role“ Hooked!. Hier wird einem das gesamte Entertainment Paket in einem einzigen Menü serviert. Ob man nun für die Lacher einschaltet, dem Drama folgt, oder mit Spannung der Geschichte lauscht ist jedem selbst überlassen und jede/r einzelne muss für sich selbst herausfinden warum man dieses Format liebt, oder eben nicht.

In seiner Essenz ist Entertainment immer eine rein subjektive Angelegenheit. Entweder man steht auf eine Musikrichtung, oder eben nicht, man liebt ein Filmgenre, oder eben nicht. Individuell kann man jegliches Entertainment also nur auf einer rein subjektiven Ebene bewerten. Nun leben wir aber in einer kapitalistischen Welt, die uns neben allerlei Missständen ein tolles Werkzeug zur objektiven Einordnung von Unterhaltungsprodukten geschenkt hat. Dollarnoten! Subjektiv kann ich mit Sicherheit behaupten, dass mich der Xte „The Fast and the Furious“ Film nicht die Bohne interessiert. Die Tatsache, dass es wohl nicht mehr lange dauert, bis es von diesem Franchise eine zweistellige Anzahl an Filmen gibt, bezeichne ich als den eigentlichen Diesel-Skandal… Trotzdem gehen die Tickets für die Vorstellungen weg wie Freibier. Der Rubel rollt und beweist die Beliebtheit dieser Filmreihe bei der breiten Masse.

Worauf ich eigentlich hinaus will, kommt ein Franchise bei vielen Menschen gut an, wird es wachsen und einige Dollarnoten einspielen. Der Grund warum „Critical Role“, neben dem offensichtlichen Entertainment Faktor einen so besonderen Stand in meiner Hall of Fame genießt, ist der, dass ich hier bei der Geburt eines solchen Franchises von Anfang an dabei war. Ich war im Kreißsaal der Unterhaltungsbranche anwesend, als „Critical Role“ geboren wurde, habe live die ersten Schritte zu mehr Reichweite verfolgt und habe jubelnd der Highschool Abschlussparty beigewohnt, als mein Baby vom Amateur zum Profi wurde. Aus der lustigen D&D Runde, die gefilmt und auf Twitch ausgestrahlt wurde, ist eine ernstzunehmende Produktionsfirma geworden. Die ganz großen der kapitalistischen Welt sind auf diesen Haufen Synchronsprecher aufmerksam geworden. Wohl noch in diesem Jahr startet auf Amazon die animierte Verfilmung der ersten „Critical Role“ Kampagne. Ja. Kein Scheiß! Jeff Bezos persönlich, so sagt man, hat die unethisch verdienten Amazon Millionen auf das Konto von DM Mercer überwiesen. Als Überweisungsgrund stand auf dem Kontoauszug nur: Alea iacta est, Diggah. Ok vielleicht habe ich mir das gerade ausgedacht, vielleicht auch nicht. Fakt ist, dass derzeit tatsächlich eine Amazon Serie von, über und mit den Charakteren der ersten „Critical Role“ Kampagne produziert wird. Objektiv würde ich dem Franchise also ein Mindestmaß an Qualität zuschreiben.

Momente für die Ewigkeit

Für mich persönlich lebt „Critical Role“ von den Momenten, in denen man einfach nicht glauben kann, dass hier gerade 8 Synchronsprecher, ohne Skript und Text, ohne visuelle Darstellung und Set, komplett improvisiert, an einem Tisch sitzend und würfelrollend, eine Welt zum Leben erwecken, die 100 Drehbuchautoren nicht besser hätten designen können.

Diese Momente wie als der Barde Scanlan, verwandelt in einen Triceratops, im Alleingang eine Villa voller Bösewichte infiltrierte und, ohne auch nur einen einzigen Kratzer davonzutragen, erst alle Schurken umbrachte und dann das ganze Haus abfackelte. Oder als der Pistolen schwingende Ingenieur Percy, zerfressen von seinem eigenen inneren Dämon kurz davor war, von Rache getrieben, das letzte bisschen Menschlichkeit zu verlieren, das noch in seiner zerrissenen Seele existierte. Der Moment als die Klerikerin Pike dem Barbar Grog das Schreiben seines eigenen Namens lehrte. Als der Halbork Fjord, die Manipulation seines Patron überwand und das verfluchte Schwert in den See aus brennender Lava schmiss. Als Jester die Hexe mit einem Cupcake überlistete. Yasha das erste mal ihre Schwingen zeigte. Keyleth als Goldfisch von einer Klippe sprang. Calebs Turm. Als Vax starb. Als Molly starb. So viele Momente. Die ganze Palette an Emotionen und kein einziger Moment geschrieben, inszeniert, choreographiert.

Leider kommt die Tragweite und Fallhöhe dieser Momente oft erst dann zur Geltung, wenn man die Hintergründe und Geschichte dieser Welt und der Charaktere kennt. Es gibt unzählige Best of Videos auf Youtube und einige der gezeigten Szenen sind auch ohne Kontext lustig, traurig, spannend. Leider nicht genug um Menschen mit diesen Clips von „Critical Role“ zu überzeugen. Ich bin gespannt ob die Animationsserie das erreichen kann, was ich schon seit 5 Jahren versuche.

Sollte ich mit diesem Text bei Jemandem da draußen ein Interesse, oder den Funken eines Interesses geweckt haben… Nehmt euch etwas Zeit. Schaut euch einen One-Shot an. Geht in euch und überlegt, ob diese Art des Entertainments etwas für euch sein könnte. Oder ihr wartet bis zum Release der Animations Serie (They better not fuck this up).

Critical Role hat unglaubliches Potential. Allerdings wird ein gewisser Vertrauensvorschuss von euch erwartet. Es braucht seine Zeit, aber sobald ihr in Exandria angekommen seid, verspreche ich euch, werdet ihr mit Zinsen ausgezahlt und seid Hooked!

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